Artikel zur aktuellen Lage in Rojava aus der Zeitung „Junge Welt“

Beitrag der Jungen Welt zur Lage  in Rojava:

Die Lage im Nordosten

Zwischen Besatzung und Pandemie. Schwierige Situation in syrischer Selbstverwaltungsregion
Von Karin Leukefeld
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Flüchtlingslager in Idlib: Mit einfachen Mitteln auf die Gefahr durch das Coronavirus aufmerksam machen (14.4.2020)

Die Lage nördlich und östlich des Euphrat bleibt unübersichtlich. Das Gebiet wird teilweise von der syrischen Armee und syrischen Kurden kontrolliert. Ein weiteres Gebiet ist von der Türkei und der mit ihr verbündeten »Nationalen Befreiungsfront« besetzt. Im Osten, nahe der Grenze zum Irak, kontrollieren US-Spezialkräfte der US-geführten »Anti-IS-Allianz« wichtige Grenzübergänge und die syrischen Öl- und Gasfelder.

Russische Militärpolizei patrouilliert mit der türkischen Armee, andererseits garantiert Moskau die Kooperation zwischen der syrischen Armee und syrisch-kurdischen Milizen der Nordsyrischen Föderation »Rojava«. US-amerikanische und russische Konvois weichen einander aus. Die Bevölkerung ergreift hin und wieder aus der Zuschauerposition heraus Partei zugunsten der einen oder anderen Seite. Die staatliche Nachrichtenagentur SANA berichtete am Donnerstag, dass Einwohner von zwei Dörfern unweit der Grenzstadt Kamischli fünf Fahrzeuge eines Konvois der »US-Besatzungstruppen« gestoppt und zur Umkehr gezwungen hätten.

Ungeachtet eines UN-Aufrufs zum weltweiten Waffenstillstand kommt es entlang der strategisch wichtigen Autobahn »M 4«, die Aleppo mit Mossul im Nordirak verbindet, bei Tel Abiad, Ain Issa und Tel Tamer zu heftigen Kämpfen zwischen den von der Türkei unterstützten Milizen und Einheiten der kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK).

Vom US-kontrollierten syrisch-irakischen Grenzübergang Rabia/Al-Jarubia wird berichtet, dass US-Konvois mit schwerem vermutlich militärischem Gerät die Grenze vom Nordirak her überqueren. Militärische Beobachter gehen davon aus, dass die US-Streitkräfte sich von Militärbasen im Irak zurückziehen, um ihre Präsenz auf Militärbasen um die Öl-und Gasfelder im Nordosten Syriens auszubauen.

Medizinische Hilfe nördlich und östlich des Euphrats ist rar. Der Einmarsch türkischer Truppen und ihrer lokalen Milizen im Oktober 2019 hat die internationalen Hilfsorganisationen vertrieben, Krankenhäusern und Gesundheitszentren fehlt es an allem. Westliche Staaten fordern die Wiederöffnung des Grenzübergangs Rabia/Al-Jarubia für grenzüberschreitende UN-Hilfskonvois. Damaskus lehnt das mit der Begründung ab, dass diese auch von syrischem Territorium aus in das Gebiet geschickt werden könnten. Auf diese Weise wird vor allem das Lager Al-Hol im Nordosten Syriens versorgt. Dort befinden sich bis zu 70.000 Menschen, die persönlich oder familiär Kämpfern des »Islamischen Staates« (IS) nahestanden. Nach der Niederlage des IS Anfang 2018 hatten sie sich ergeben und wurden von den syrischen Kurden in Lagern untergebracht.

Hilfe für die Region kommt über die kurdischen Gebiete des Nordirak. Der Präsident der Autonomen Region Kurdistan, Nechirvan Barsani, lieferte zwei Analysevorrichtungen für Coronavirustests. Maslum Abdi, der SDK-Oberkommandierende, bedankte sich für die Hilfe aus Erbil. Wie die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtet, hat die deutsche Hilfsorganisation »Aktion für verfolgte Christen und Notleidende« (AVC) in Kobani drei Quarantänezentren mit 50 Betten eingerichtet. Auch zwei Rettungswagen und medizinische Ausrüstung seien an das Gesundheitskomitee der »Euphrat-Region« geliefert worden. Ein Team aus vier Ärzten und sechs Pflegekräften werde dort arbeiten. Die christliche Hilfsorganisation AVC wurde nach eigenen Angaben 1972 in Deutschland gegründet, »um verfolgten Christen in den Staaten des Machtbereichs der ehemaligen UdSSR« beizustehen.

Quelle:https://www.jungewelt.de/artikel/376590.syrien-die-lage-im-nordosten.html